Die Hyundai Motor Group spannt den Bogen vom Elektroauto hin zum aktiven Baustein im Energiesystem. Unter dem Stichwort Vehicle-to-Everything, kurz V2X, startet der Konzern eine ganze Reihe neuer Dienste, mit denen Elektroautos nicht mehr nur Strom verbrauchen, sondern auch speichern, zurück ins Netz speisen und sogar ganze Häuser mit Energie versorgen sollen. Los geht es mit Pilotprojekten in Korea und Europa sowie konkreten Vehicle-to-Home Angeboten in den USA.
Für Besitzer von Hyundai und Kia Fahrzeugen bedeutet das: Das eigene Elektroauto wird mehr und mehr zur mobilen Stromreserve, die nicht nur Reichweite liefert, sondern auch bares Geld sparen und Netze entlasten kann.
Was steckt hinter V2X, V2G, V2H und Smart Charging
V2X ist der Oberbegriff für alle Anwendungen, bei denen ein Elektroauto mit seiner Umgebung Energie austauscht. Vehicle-to-Grid, kurz V2G, beschreibt dabei den direkten Stromfluss zwischen Fahrzeug und öffentlichem Netz. Das Auto lädt also nicht nur, sondern kann bei Bedarf Energie aus seiner Batterie wieder ins Netz zurückgeben.
Vehicle-to-Home, V2H, funktioniert ähnlich, aber im kleineren Rahmen. Hier versorgt das Auto ein Wohnhaus mit Strom. Das kann als Notstromlösung bei Ausfällen dienen oder als intelligenter Baustein, um günstigen Nachtstrom zu speichern und tagsüber zu nutzen.
Die Basis dafür ist bidirektionales Laden. Die Ladegeräte und die Fahrzeuge selbst sind so ausgelegt, dass sie Energie in beide Richtungen fließen lassen können. Aus dem bekannten Smart Charging, auch V1G genannt, wird so der nächste Schritt. Beim klassischen Smart Charging optimiert das System lediglich, wann das Fahrzeug günstiger lädt. Mit V2G und V2H kommt der aktive Rückfluss von Energie hinzu.
Pilotprojekt auf Jeju: Elektroautos stabilisieren das Netz
Den Auftakt macht Hyundai in der Heimat: Auf der südkoreanischen Insel Jeju startet bis Ende 2025 der erste V2G-Pilotdienst mit Hyundai IONIQ 9 und Kia EV9. Jeju gilt als Vorreiter bei erneuerbaren Energien, steht aber genau deswegen vor einem typischen Problem: Es gibt Zeiten mit sehr viel Solar- und Windstrom, in denen mehr Energie erzeugt wird als gerade benötigt wird.
Genau hier kommen die Elektroautos ins Spiel. Sie laden, wenn viel überschüssige Energie vorhanden ist und die Preise niedrig sind. In Phasen, in denen das Netz stärker belastet ist und die Preise steigen, können die Fahrzeuge einen Teil der gespeicherten Energie wieder zurück ins Netz speisen. Die Autos werden damit zu flexiblen Netzressourcen, die helfen, die Frequenz stabil zu halten und Spitzen abzufedern.
Spannend ist dabei auch die enge Zusammenarbeit verschiedener Partner. Die Hyundai Motor Group übernimmt die technische Umsetzung und den Betrieb des Projekts. Die Sonderverwaltungsprovinz Jeju kümmert sich um Regelwerke und politische Rahmenbedingungen. Die Korea Electric Power Corporation bindet die Fahrzeuge in das Verteilnetz ein und Hyundai Engineering analysiert den Betrieb der Ladeinfrastruktur und mögliche Weiterentwicklungen. Läuft der Pilot erfolgreich, soll der Dienst schrittweise auf ganz Korea ausgeweitet werden.
V2G in Europa: Niederlande als Testfeld für den Alltag
In Europa startet Hyundai seinen ersten kommerzialisierten V2G-Dienst in den Niederlanden. Der Konzern ist damit nach eigenen Angaben der erste Hersteller, der einen solchen kundenorientierten V2G-Service auf den Markt bringt.
Aufgebaut wird dieser Dienst auf dem bereits eingeführten Smart-Charging-Angebot. Kunden mit kompatiblen Hyundai oder Kia Elektroautos, zunächst IONIQ 9 und Kia EV9, sowie einem passenden Tarif eines Energiepartners, können eine automatisierte V2G-Planung nutzen. Das System lädt das Fahrzeug automatisch in Zeiten mit niedrigem Stromtarif und gibt überschüssige Energie zu Hochpreiszeiten wieder ans Netz ab.
Für die Kunden kann sich das doppelt lohnen. Zum einen sinken die eigenen Stromkosten, weil der teure Spitzenstrom teilweise durch zuvor günstig gespeicherte Energie ersetzt wird. Zum anderen können sie durch die Einspeisung auch am Energiehandel teilnehmen und zusätzliche Erlöse erzielen.
Gerade in den Niederlanden, wo Strompreise hoch und die Netze stark ausgelastet sind, hat das einen zusätzlichen Effekt. Das V2G-Angebot trägt zur Stabilisierung des Stromnetzes bei und unterstützt gleichzeitig die Integration weiterer erneuerbarer Energien, weil es Flexibilität ins System bringt. Perspektivisch soll der Dienst auf weitere europäische Märkte ausgerollt werden und auch auf zusätzliche Modelle erweitert werden.
V2H in den USA: Das Auto als Notstromspeicher
In den USA fokussiert sich die Hyundai Motor Group zunächst auf Vehicle-to-Home. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Versorgung von Privathaushalten bei Naturkatastrophen, plötzlichen Stromausfällen oder in Zeiten mit sehr hohen Netzlasten.
Kia ist bereits vorgeprescht. Seit Februar 2025 können Besitzer eines EV9 ihr Fahrzeug als stationäre Notstromquelle für den eigenen Haushalt nutzen. Die Energie aus der Traktionsbatterie wird dabei über geeignete Hardware in das Hausnetz eingespeist. Hyundai zieht nach und stattet den IONIQ 9 mit V2H-Funktionalität aus. Kia plant zudem, den Dienst auf den EV61 auszuweiten.
Auch hier gilt das Prinzip Lastverschiebung. Das Fahrzeug lädt in Nebenzeiten, in denen der Strom günstig ist, und kann in Spitzenzeiten das Haus mitversorgen. Das senkt die Rechnung am Ende des Monats und erhöht gleichzeitig die Versorgungssicherheit, etwa wenn das Netz instabil ist oder temporär ausfällt.
Was Kunden davon haben
Für Elektroautofahrer klingen V2X-Dienste erstmal nach viel Technik im Hintergrund. Im Alltag sollen sie vor allem eines bringen: mehr Nutzen für die ohnehin vorhandene Batterie im Fahrzeug. Statt dass der Energiespeicher 90 Prozent der Zeit ungenutzt vor der Tür steht, wird er zum aktiven Baustein im Energiesystem.
Je nach Land und Tarifmodell ergeben sich unterschiedliche Vorteile. In Regionen mit stark schwankenden Strompreisen können V2G-Modelle echte Einsparpotenziale erschließen. In Gebieten mit anfälliger Infrastruktur oder hoher Naturgefahrenlage steht der Sicherheitsaspekt im Vordergrund, wenn Haus und Auto sich gegenseitig absichern.
Gleichzeitig unterstreicht Hyundai mit der globalen V2X-Strategie den Anspruch, mehr als nur Fahrzeuge zu verkaufen. Die Marke positioniert sich als Teil des Energiemarkts und als Partner für den Ausbau von erneuerbaren Energien. Denn je mehr flexible Speicher im System sind, desto leichter lassen sich Wind- und Solarspitzen integrieren.
Ausblick: Vom Elektroauto zum Energiebaustein
Mit den Projekten in Korea, Europa und den USA zeigt die Hyundai Motor Group, wohin die Reise geht. Elektroautos werden zu rollenden Energiespeichern, die sich nahtlos in Haushalte, Stromnetze und erneuerbare Energien einfügen.
Perspektivisch sollen weitere Modelle der Marken Hyundai und Kia V2X-fähig werden. Ab den nächsten Facelift-Generationen werden auch IONIQ 5 und Kia EV6 vorbereitet, sodass die Zahl der geeigneten Fahrzeuge deutlich wachsen dürfte. Für die Kundschaft eröffnet sich damit eine neue Ebene der Nutzung, in der das Elektroauto nicht nur Mobilität sichert, sondern auch ein aktiver Teil der eigenen Energie- und Kostenstrategie wird.




















