Der Kia EV9 ist kein Auto, das man übersieht. Mit über fünf Metern Länge, knapp zwei Metern Breite und bis zu sieben Sitzen zielt er auf Familien, Freizeitsportler, Businesskunden mit Platzbedarf und alle, die ein Faible für moderne Technik in monumentalem Format haben.
Was er nicht ist: ein Schnäppchen oder ein Kompromiss. Ab gut 72.000 Euro startet die vollelektrische Großraumoffensive der Koreaner in Deutschland und will dabei nicht nur mit schierer Größe, sondern auch mit Technik, Komfort und Effizienz punkten. Ob das gelingt, haben wir für euch bei Sonnenschein, Landstraße und Kopfsteinpflaster getestet.
KIA EV9 Design: Bullig, kantig, selbstbewusst
Schon auf den ersten Blick zeigt der Kia EV9 Haltung. Die Front erinnert ein wenig an eine moderne Interpretation der Mercedes G-Klasse, allerdings deutlich futuristischer, kantiger und individueller. Der typische Kia-Tigergrill ist nur noch eine stilisierte Erinnerung an alte Zeiten, stattdessen dominieren LED-Lichtgrafiken mit Boomerang-Motiv, aktive Kühlluftklappen und eine Front, die optisch nicht diskutiert, sondern diktiert.
In der GT-line rollt der KIA EV9 auf 21-Zoll-Rädern mit aerodynamisch optimierten Felgen, lackiert in einem Ocean Blue Metallic, das auffällig, aber nicht aufdringlich wirkt. Schwarz glänzende Details statt Chrom zementieren den modernen Look. Und wer genau hinschaut, entdeckt: Der Heckwischer ist clever im Spoiler versteckt. Warum das nicht alle so machen?
KIA EV9 GT-Line Fotos:













KIA EV9 Innenraum: Raumwunder mit cleverem Detailreichtum
Der Innenraum des Kia EV9 ist groß gedacht. Zwischen Frunk und Kofferraumvolumen von bis zu 2.300 Litern zeigt sich: Hier wurde mitgedacht. Die dritte Sitzreihe ist nicht nur vorhanden, sondern tatsächlich nutzbar, selbst für Erwachsene. Dank elektrisch versenkbarer Kopfstützen, gut durchdachter Ladekabelverstausysteme und optionaler Relaxsitze samt Fußstütze in der zweiten Reihe kommt hier fast Lounge-Feeling auf.
Materialwahl und Verarbeitung präsentieren sich solide, teils hochwertig, aber nicht ganz ohne Kritik. Einige Bereiche bestehen noch aus hartem Kunststoff, insbesondere im unteren Türbereich. Hier hätte etwas mehr Premiumfeeling gutgetan, gerade angesichts des ambitionierten Preises. Dafür glänzt das Interieur mit Technikfeatures wie einem Head-up-Display mit Augmented-Reality-Ansätzen, drei üppigen Bildschirmen mit bis zu 27 Zoll Diagonale und einem intuitiven Bedienkonzept, das nur gelegentlich an der Trägheit der Touchflächen scheitert.
KIA EV9 Antrieb: Zwei Motoren, ordentlich Punch
In unserem Testwagen werkten zwei E-Maschinen mit zusammen 385 PS und 600 Newtonmeter Drehmoment. Die Kraft geht an alle vier Räder, und das ziemlich überzeugend. 0 auf 100 km/h in 5,35 Sekunden sind für ein Fahrzeug mit über 2,6 Tonnen Leergewicht beachtlich.
Im Fahrbetrieb überzeugt der EV9 mit einer ausgewogenen Mischung aus Komfort und Präzision. Die Lenkung ist leichtgängig, das Fahrwerk straff-komfortabel abgestimmt. Selbst auf ruppigem Pflaster bleibt das Fahrgefühl souverän. Nur in schnell aufeinanderfolgenden Bodenwellen schwingt die Karosserie leicht nach.
Was fehlt, ist eine Hinterachslenkung. Beim Wendekreis von 12,4 Metern wird das im urbanen Raum schnell zum Thema. Gerade in engen Parkhäusern oder bei der Parkplatzsuche in der Innenstadt macht sich das bemerkbar.
KIA EV9 Verbrauch und Ladeleistung: Langstrecke? Ja, aber…
Die Netto-Batteriekapazität von 96 Kilowattstunden in Verbindung mit 800-Volt-Technologie sorgt für schnelle Ladezeiten. Unter Idealbedingungen soll es von 10 auf 80 Prozent in rund 21 Minuten gehen, geladen wird mit bis zu 210 kW DC. An der heimischen Wallbox stehen 11 kW AC zur Verfügung.
Schade nur, dass ein 22-kW-Onboard-Lader nicht mal optional angeboten wird. Gerade für Laternenparker wäre das ein echter Vorteil. Auf der Langstrecke steigen die Werte, wie zu erwarten, auf rund 25 bis 27 kWh/100 km, was aber angesichts Größe und Gewicht nicht überraschend kommt. Fährt man das Fahrzeug ausschließlich innerstädtisch, kann man spielend Verbrauchswerte von unter 15 kWh / 100 km erzielen, allerdings nur unter idealen Bedinungen.
Unser KIA EV9 Verbrauchtest – Wie ist die Ladeperformance?
Verbrauchswerte auf der Autobahn
Die Tests zeigten, wie zu erwarten war, deutliche Unterschiede zum Wintertest bei 8 Grad. Bei 100 km/h lag der Verbrauch bei 21,5 kWh/100 km (Winter: ca. 24 kWh), bei 120 km/h bei 28,5 kWh (Winter: rund 29), bei 140 km/h bei 31,3 kWh (Winter: 34,8) und bei 160 km/h bei 41,7 kWh (Winter: 45). Die Ergebnisse zeigen: Auch ein Fahrzeug mit 2,6 Tonnen Leergewicht kann im Sommer etwas effizienter unterwegs sein, wenngleich der Mehrverbrauch mit steigender Geschwindigkeit erheblich bleibt.
Ladecheck: 10 auf 80 Prozent dauert länger als versprochen
Die Werksangabe von 21 Minuten für den Ladehub von 10 auf 80 Prozent konnte der EV9 im Test nicht einhalten. Geladen wurde bei Ionity bei 23 Grad Celsius und ideal vorbereiteten Akku, dennoch dauerte der Ladevorgang 34 Minuten. Die Ladeleistung erreichte zwar zwischenzeitlich bis zu 210 kW, fiel jedoch bereits ab 50 Prozent rapide ab.
Komfort und Sicherheit: Premium auf koreanisch
Der Kia EV9 bietet fast alles, was das Technikherz begehrt. Sitzbelüftung, Massagefunktion (leider nur auf dem Fahrersitz), Dreizonenklimaautomatik, Ambientebeleuchtung und hochwertige Soundsysteme sind an Bord. Der Highway Drive Assist 2 inklusive adaptiver Tempomatfunktion, Spurhalter und automatischer Abstandskontrolle verrichtet auf der Autobahn gute Dienste. Innerorts fehlt jedoch die prädiktive Geschwindigkeitsregelung. Das Auto erkennt zwar Verkehrszeichen, reagiert aber nicht automatisch darauf. Das ist schade zumal Wettbewerber wie Audi, BMW oder Mercedes hier weiter sind.
Dafür punktet der Kia mit einem glasklaren 360-Grad-Kamerasystem, zahlreichen Ansichten zur Felgenschonung beim Einparken und einem digitalen Rückspiegel, der gerade bei Nacht und Regen echten Mehrwert liefert. Der Geräuschkomfort im Innenraum liegt auf S-Klasse-Niveau: selbst bei Tempo 100 bleibt es mit unter 60 Dezibel flüsterleise.
Variabilität und Anhängelast: Echte SUV-Stärken
Bis zu sieben Sitze, elektrisch klappbare Rückbänke, clevere Staufächer und ein maximaler Stauraum von über 2.300 Litern machen den Kia EV9 zum Raumwunder. Hinzu kommen eine zulässige Anhängelast von 2,5 Tonnen gebremst sowie 125 Kilogramm Stützlast, das prädestiniert ihn für Wohnwagen, Pferdeanhänger oder schwere Lasten. Wer es auf die Spitze treiben möchte, nutzt noch die 100 Kilogramm Dachlast. So viel praktische E-Mobilität bietet aktuell kaum ein anderes Modell.
Der Kia EV9 ist ein elektrisches Multitalent
Er ist Statement, Raumgleiter und Nutzfahrzeug in einem. Die Koreaner liefern mit ihm ein extrem vielseitiges Fahrzeug ab, das mit durchdachten Details, hochwertiger Ausstattung und solidem Langstreckenkomfort überzeugt. Schwächen gibt es im Detail – beim Touchscreen-Feedback, bei einzelnen Kunststoffflächen oder bei der nicht ganz perfekten Assistenzlogik. Aber gemessen an Preis, Platzangebot und Fahrkomfort ist das alles verschmerzbar.
Wer ein großes, elektrisches SUV mit Alltagskompetenz und viel Komfort sucht, kommt am Kia EV9 kaum vorbei. Und wer noch einen überzeugenden Leasingdeal ergattert, fährt mit ihm nicht nur elektrisch, sondern auch besonders clever.




















