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Lotus Eletre 600 Test – einfach elektrisch?

Lotus Eletre 600 Test

Der überarbeitete Lotus Eletre 600 tritt in Italien zum Härtetest an. Optisch bleibt das große Elektro SUV ein Hingucker. Flache Silhouette trotz stattlicher Präsenz, sauber durchströmte Karosserie, aktive Aerodynamik an Front und Heck. Der erste Eindruck passt. Jetzt muss die Technik liefern.

Unser Lotus Eletre 600 Test-Bericht als Video

Auftritt und Aerodynamik

Mit gut 5,10 Metern Länge, rund 2,20 Metern Breite ohne Spiegel und 1,62 Metern Höhe nimmt der Eletre den Raum ein, den ein Oberklasse SUV nun einmal braucht. Die coupéartige Dachlinie streckt das Profil, Privacy-Verglasung und 22-Zoll-Räder betonen die Breite. Vorn arbeiten Tagfahrlicht und getrennte Hauptscheinwerfer mit Matrix-Funktion, unten regeln aktive Klappen das Thermomanagement. Breite Air Curtains führen Luft gezielt an den Rädern vorbei, am Heck übernehmen zwei feststehende Flaps die Luftführung. Die Botschaft ist eindeutig. Form folgt Aerodynamik.

Plattform, Akku und Antrieb

Unter dem Karosseriekleid steckt ein 800-Volt-System mit großem Akku. Lotus nennt 112 Kilowattstunden brutto, nutzbar sind 109 Kilowattstunden. Zwei E-Maschinen treiben beide Achsen an, zusammen stehen 612 PS und 710 Newtonmeter an. Der Eletre ist kein Leichtgewicht und liegt bei rund zweieinhalb Tonnen Leergewicht. Er kaschiert das aber erstaunlich gut. Die Beschleunigung auf Landstraßen-Grip gemessen liegt mehrfach bei knapp unter fünf Sekunden auf Tempo hundert. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 250 km pro Stunde angegeben.

Laden und Reichweitenlogik

Starkstrom ist Pflicht. AC lädt der Eletre serienmäßig mit 22 Kilowatt, DC sind bis zu 367 Kilowatt möglich. Der Sprung von 10 auf 80 Prozent soll in 19 Minuten gelingen. Angesichts der Akkugröße ist das konkurrenzfähig. In der Praxis zählt aber nicht nur die Spitze, sondern die Konstanz der Ladeleistung. Genau dort wird der Test auf der Langstrecke spannend.

Viel Platz vorn, sinnvoller Raum hinten

Der Eletre ist ein Reisewagen. 610 Liter Kofferraumvolumen sind für die Klasse sehr ordentlich. Der Fond lässt sich im Verhältnis 40 zu 20 zu 40 umklappen und erweitert den Stauraum auf bis zu 1532 Liter. Vorn gibt es zusätzlich einen Frunk mit 46 Litern, perfekt für Kabel und Kleinkram. Praktisch bleibt er auch bei Hakenlasten. Die optionale Anhängerkupplung ist mit 90 Kilogramm Stützlast freigegeben. 750 Kilogramm ungebremst und bis zu 2,25 Tonnen gebremst bei 12 Prozent Steigung sind für ein Elektro SUV ein echtes Argument. Dachlast bis 90 Kilogramm schafft Spielraum für Skibox oder Träger.

Lotus 600 Eletre Fotos

Verarbeitung, Materialien und Sitze

Der Innenraum will Premium sein und ist es. Leder, Mikrofaser, sichtbares Carbon, saubere Nähte, Soft-Close-Türen. Die Front wirkt modern ohne Übertreibung. Fahrer und Beifahrer blicken auf ein klares Layout mit schmalem Kombiinstrument, großem Zentraldisplay und einem AR-fähigen Head-up Display, das die wichtigen Infos souverän einblendet. Die Sitze sind langstreckentauglich, bieten Belüftung, Heizung und Massage. Wer groß ist, findet Position und Auflage. Der Fond profitiert von verstellbaren Lehnen, eigener Klima-Bedienung und optionaler Sitzheizung. Details wie belederte Türtaschen, sauber ausgekleidete Klappen und ein aufwendig gemachtes Rollo im Gepäckraum zeigen, wie ernst Lotus das Thema Haptik nimmt.

Infotainment und Bedienung

Die Kacheloberfläche reagiert flüssig, Updates kommen Over the Air. Apple CarPlay ist an Bord. Kritik gibt es bei den Luftdüsen, die sich nur per Display lenken lassen. Das wirkt in der Praxis umständlich. Sprachsteuerung funktioniert und führte im Test zuverlässig virtuell nach München. Bei sehr langen Zielen bremste die Rechenzeit zwischendurch. Die integrierte Ladeplanung ist da und plant Schnelllader ein. Positiv ist die Möglichkeit, bevorzugte Anbieter und Karten zu hinterlegen. Das ist alltagstauglich umgesetzt.

Assistenten mit Luft nach oben

Spurhalten auf italienischen Landstraßen gelingt ordentlich, aber nicht perfekt mittig. In langgezogenen Rechtskurven tendiert das System leicht nach links. Schwerer wiegt, dass die automatische Geschwindigkeitsanpassung nicht konsequent arbeitet. Orts- und Tempolimits werden zwar erkannt, die Regelung bremst aber nicht immer selbsttätig auf die erlaubte Geschwindigkeit herunter. Genau hier braucht es Software-Nachschärfung. Der Rest der Helfer agiert solide. Die 360-Grad-Ansicht unterstützt zuverlässig beim Rangieren, die frei drehbare 3D-Rundumsicht fehlt jedoch. Das geht eleganter, ist aber verschmerzbar.

Fahrwerk, Lenkung und Ruhe an Bord

Die Luftfederung kombiniert Souveränität mit Kontrolle. Im Tour-Modus federt der Eletre Unebenheiten weg, ohne schwammig zu wirken. In schnellen Wechselkurven bleibt die Karosserie erstaunlich stabil. Der Slalom zeigt wenig Wank. Die Lenkung fühlt sich passend an, nicht überzogen spitz, nicht teigig. Beim Geräuschniveau punktet der Lotus deutlich. Rund 55 Dezibel bei 50 bis 70 und um 61 bis 62 Dezibel bei 100 km pro Stunde sind exzellent. Die optionale aktive Geräuschkompensation der hochwertigen Audioanlage trägt ihren Teil bei.

Verbrauch, Praxis und Preis

Zur Realität gehört die Masse. Wer die 612 PS ausnutzt, zahlt an der Säule. Wer gleiten kann, wird mit hoher Ladegeschwindigkeit belohnt. Der Basispreis liegt bei 99.990 Euro. Mit den passenden Paketen wandert der Eletre in Regionen, in denen auch BMW iX und Mercedes EQE SUV in AMG-Nähe spielen. Der Lotus antwortet mit sehr guter Verarbeitung, starkem Antrieb, echtem Nutzwert und eigenständiger Optik.

Bringen wir es auf den Punkt

Der Lotus Eletre 600 ist ein elektrischer Gran Turismo im SUV-Format. Außen mutig, innen sehr hochwertig, im Fahrbetrieb überzeugend leise und schnell. Laden kann er sehr schnell, ziehen kann er viel, reisen kann er komfortabel. Die größten Baustellen liegen in der Software der Assistenzsysteme und in Details der Bedienung. Beides ist lösbar. Wer ein großes Elektro SUV mit Charakter und Premium-Finish sucht, sollte den Eletre fahren. Das Auto liefert viel Substanz und hebelt einige Vorurteile gegenüber der Marke im Großformat aus. Nur eines bleibt wie früher. Lotus baut Autos, die Lust machen. Und das merkt man nach wenigen Kilometern.

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