Berlin hat an diesem Tag genau jene Mischung zu bieten, die ein sportlicher Kleinwagen mit großen Ambitionen braucht: Sonne, Bewegung, Spannung und eine Stadt voller Menschen, die ohnehin schon elektrisiert wirkt. Am Abend steht das DFB-Pokalfinale auf dem Programm, Fans aus München und Stuttgart ziehen gut gelaunt Unter den Linden entlang, während vor dem Volkswagen-Standort DRIVE ein Auto steht, das sich zwar tarnen möchte, dabei aber genau das Gegenteil erreicht.
Vor den gläsernen Eingangstüren wartet ein getarnter ID. Polo GTI als Vorserienfahrzeug. Die rot-weiß-schwarze Folierung mit großflächigen GTI-Schriftzügen kaschiert zwar noch die letzten Details der Karosserie, macht aber gleichzeitig unmissverständlich klar: Hier steht kein normaler elektrischer Kleinwagen. Hier steht der Versuch, eine der bekanntesten sportlichen Volkswagen-Ideen in die elektrische Gegenwart zu übertragen.
Ein Fahrbericht von Wolfgang Wieland
Wie viel klassischer GTI steckt schon beim Einsteigen im neuen Elektro-Polo?
Der erste Eindruck im Innenraum zeigt, dass Volkswagen die eigene Historie nicht einfach als Aufkleber begreift. Die Sitze sind sportlich geschnitten, bieten guten Seitenhalt und tragen mit roten Akzenten genau jene Farbwelt weiter, die seit Jahrzehnten zum GTI gehört. Gleichzeitig wirkt das Cockpit eindeutig modern und digital. Tradition und neue Technik stehen hier also nicht gegeneinander, sondern werden sichtbar miteinander verbunden.
Ein besonders sympathisches Detail ist die Möglichkeit, die digitalen Instrumente im Stil früher GTI-Modelle anzeigen zu lassen. Tacho und Drehzahlmesser können optisch an die Ur-GTIs der 1980er-Jahre erinnern. Natürlich dreht hier kein Verbrennungsmotor mehr hoch, aber genau dieses kleine Augenzwinkern zeigt, dass Volkswagen verstanden hat, wie emotional solche Details für GTI-Fahrer sein können.
Wie fährt sich der elektrische GTI im Berliner Stadtverkehr?
Nach dem Druck auf den Startknopf bleibt zunächst das aus, was Generationen von GTI-Fahrern kannten: das mechanische Erwachen eines Motors. Stattdessen herrscht Ruhe. Nur ein dezentes Surren verrät, dass der Antrieb bereitsteht. Die Route führt über die Friedrichstraße hinein in das geschäftige Herz Berlins, und genau dort spielt der ID. Polo GTI sofort eine seiner größten Stärken aus.
Im dichten Stadtverkehr reagiert der Elektroantrieb unmittelbar, aber nicht ruppig. Die Leistung lässt sich sehr fein dosieren, was gerade zwischen Ampeln, Radfahrern, Taxis und Touristenbussen ein echter Vorteil ist. Jeder Start von der Ampel gelingt souverän und kraftvoll, ohne dass der Wagen dabei übertrieben aggressiv wirkt. Der elektrische GTI fühlt sich wach an, direkt und agil, aber nicht nervös.
Warum zieht ein getarntes Auto am Brandenburger Tor besonders viele Blicke auf sich?
Am Brandenburger Tor entspannt sich der Verkehr etwas, und plötzlich wirkt die Tarnfolie fast wie ein kleiner Widerspruch auf Rädern. Eigentlich soll sie verbergen, wie das Serienauto später aussehen wird. In der Realität sorgt sie dafür, dass sich noch mehr Köpfe drehen. Ein GTI mit Tarnkleid, mitten in Berlin, kurz vor einem großen Fußballabend: Das fällt auf.
Fahrerisch zeigt der ID. Polo GTI hier, dass Volkswagen nicht einfach nur mehr Leistung in einen elektrischen Kleinwagen gepackt hat. Die Lenkung wirkt direkt, sauber abgestimmt und angenehm straff. Sie vermittelt genügend Rückmeldung, bleibt aber frei von übertriebener Härte. Das ist wichtig, denn ein GTI muss sportlich sein, darf im Alltag aber nicht zum anstrengenden Spezialisten werden.
Wie gut ist das Fahrwerk zwischen Großstadtkomfort und GTI-Anspruch abgestimmt?
Rund um den Großen Stern und weiter in Richtung Siegessäule wird das Tempo flüssiger, und das Fahrwerk kann zeigen, was in ihm steckt. Der ID. Polo GTI liegt satt auf der Straße, filtert Unebenheiten ordentlich heraus und verliert dabei nicht den Kontakt zur Fahrbahn. Genau diese Balance entscheidet darüber, ob ein sportliches Elektroauto nur schnell oder wirklich gut ist.
Besonders im Kreisverkehr an der Siegessäule wirkt der Wagen präzise und leichtfüßig. Er lässt sich sauber platzieren, folgt der Lenkbewegung ohne Verzögerung und vermittelt dabei eine gewisse Verspieltheit. Das erinnert durchaus an frühere GTI-Generationen, ohne sie plump kopieren zu wollen. Der Autor kann das an dieser Stelle übrigens durchaus einordnen, denn zwei Golf GTI der ersten Generation standen früher selbst in der eigenen Garage.
Was macht der Elektroantrieb anders als ein klassischer GTI-Motor?
Auf dem Kurfürstendamm darf der elektrische Antrieb etwas freier arbeiten. Ein kräftiger Tritt aufs Strompedal genügt, und der ID. Polo GTI schiebt nahezu lautlos und sehr entschlossen nach vorn. Die Kraftentfaltung ist typisch elektrisch: linear, sofort verfügbar und ohne Schaltpausen. Das fühlt sich anders an als das Hochdrehen eines klassischen GTI-Motors, aber keineswegs weniger sportlich.
Der Charakter verändert sich dadurch deutlich. Wo früher Drehzahl, Gangwechsel und Motorklang zur Dramaturgie gehörten, liefert der elektrische GTI seine Leistung unmittelbarer und gleichmäßiger. Das ist weniger Theater, aber sehr viel Wirkung. Entscheidend ist dabei: Der sportliche Anspruch geht nicht verloren. Er wird nur anders übersetzt.
Wie klingt ein GTI, wenn er keinen Verbrennungsmotor mehr hat?
Ganz lautlos muss der ID. Polo GTI nicht bleiben. Unterhalb des Hupen-Airbag-Balges im Lenkrad sitzt eine breite GTI-Sound-Taste. Wird sie gedrückt, verändert sich die akustische Kulisse deutlich. Volkswagen versucht dabei nicht, einen Verbrennungsmotor künstlich nachzubauen oder mit überzogenem Effektklang zu beeindrucken.
Das ist wohltuend, denn manche Hersteller übertreiben es bei künstlichen Fahrgeräuschen so sehr, dass aus Emotion schnell Kirmes wird. Im ID. Polo GTI bleibt die Soundinszenierung sportlich, fokussiert und passend dosiert. Sie erinnert eher an Motorsport-Atmosphäre als an aufgesetztes Videospiel-Getöse. Genau deshalb funktioniert sie überraschend gut. Das akustische GTI-Gefühl ist wieder da, nur eben auf eine neue Art.
ID. Polo GTI Fotos







Fotos: © VOLKSWAGEN | Dirk Michael Deckbar
Wie erwachsen wirkt der ID. Polo GTI auf den letzten Kilometern?
Auf dem Weg Richtung Olympiastadion kehrt wieder etwas Ruhe ein. Das gibt Zeit, den Innenraum und die Alltagseigenschaften genauer wirken zu lassen. Die Materialien machen einen wertigen Eindruck, die Bedienung ist logisch aufgebaut und die Assistenzsysteme arbeiten spürbar im Hintergrund, ohne sich ständig in den Vordergrund zu drängen.
Der ID. Polo GTI wirkt dadurch nicht wie ein experimenteller Technologieträger, sondern wie ein Auto, das bereits sehr nah an der Serie ist. Er fühlt sich reif an, durchdacht und erstaunlich selbstverständlich. Genau das ist vielleicht eine seiner wichtigsten Qualitäten: Er will nicht beweisen, dass Elektromobilität irgendwie auch sportlich sein kann. Er fährt einfach so, als wäre das längst geklärt.
Ist der ID. Polo GTI ein echter GTI für die elektrische Zukunft?
Am Olympiastadion bleibt vor allem ein Eindruck hängen: Volkswagen hat den GTI-Gedanken nicht konserviert, sondern weitergedacht. Der ID. Polo GTI lebt nicht nur von Erinnerungen an rote Streifen, Karomuster und alte Legenden. Er bringt die Idee eines kompakten, sportlichen und alltagstauglichen Volkswagen in eine neue Antriebswelt.
Natürlich klingt er anders, fährt anders und inszeniert sich anders als ein klassischer GTI mit Verbrennungsmotor. Aber genau das muss er auch. Entscheidend ist, dass die Grundidee erhalten bleibt: handlich, schnell, präzise, emotional und trotzdem vernünftig genug für den Alltag. Der ID. Polo GTI ist damit kein nostalgischer Rückblick auf bessere Zeiten. Er ist ein ziemlich klarer Hinweis darauf, dass GTI auch elektrisch funktionieren kann.





















