Daimler Truck zeigt mit dem Mercedes-Benz NextGenH2 Truck, wie ernst es dem Konzern mit wasserstoffbasiertem Schwerlastverkehr ist. Nach den umfangreichen Erprobungen der ersten GenH2-Generation folgt nun ein deutlich seriennäheres Fahrzeug, das ab Ende 2026 in einer Kleinserie von 100 Einheiten bei Kunden im realen Transporteinsatz fahren soll. Produziert wird der NextGenH2 Truck im Werk Wörth, also dort, wo seit Jahrzehnten die schweren Mercedes-Benz Lkw zu Hause sind.
Wasserstoff als zweite Säule neben der Batterie
Für Daimler Truck ist klar, dass batterieelektrische Lkw allein nicht alle Anforderungen des schweren Fernverkehrs abdecken können. Gerade dort, wo hohe Reichweiten, kurze Standzeiten und maximale Flexibilität gefragt sind, sehen die Entwickler Wasserstoff als sinnvolle Ergänzung.
Achim Puchert, CEO von Mercedes-Benz Trucks, ordnet den NextGenH2 Truck entsprechend ein: Wasserstoffbasierte Antriebe seien neben batterieelektrischen Lösungen entscheidend für die nachhaltige Transformation der Branche. Mit dem NextGenH2 gehe man nun den nächsten technologischen Schritt bei Brennstoffzellen-Lkw, gemeinsam mit Kunden und mit klarer Perspektive Richtung Serie.
Bewährte Technik weitergedacht
Technisch baut der NextGenH2 Truck auf den Stärken des bisherigen GenH2 auf. Daimler Truck setzt weiterhin konsequent auf Flüssigwasserstoff. Der große Vorteil liegt in der deutlich höheren Energiedichte gegenüber gasförmigem Wasserstoff, was Reichweiten von über 1.000 Kilometern mit einer Tankfüllung ermöglicht, selbst bei voller Ausladung. Genau hier soll der Wasserstoff-Lkw eine dieselähnliche Einsatzfähigkeit bieten.
NextGenH2 Truck Fotos
















Neu ist das vergrößerte Tankvolumen. Zwei Flüssigwasserstofftanks nehmen nun beidseitig bis zu 85 Kilogramm Wasserstoff auf. Dank des gemeinsam mit Linde entwickelten sLH2-Standards dauert der Tankvorgang nur etwa zehn bis fünfzehn Minuten und ist damit in der Praxis vergleichbar mit dem heutigen Dieselbetrieb. Auch beim Gewicht und bei den Kosten bieten Flüssigwasserstofftanks Vorteile, was sich direkt in einer höheren Nutzlast niederschlägt.
Dass dieses Konzept nicht nur auf dem Papier funktioniert, hat Daimler Truck bereits Ende 2023 bewiesen. Beim Hydrogen Record Run legte ein GenH2 Truck mit rund 40 Tonnen Gesamtzuggewicht 1.047 Kilometer mit einer einzigen Tankfüllung zurück.
Brennstoffzelle von cellcentric als Herzstück
Im Zentrum des Antriebs arbeitet weiterhin die Brennstoffzelle BZA150 von cellcentric, dem Joint Venture von Daimler Truck und der Volvo Group. Im NextGenH2 Truck sind zwei dieser Aggregate als platzsparendes Twin-System im Motorraum unterhalb der Kabine integriert. Zusammen liefern sie 300 Kilowatt Systemleistung.
Die Erfahrungen aus den bisherigen Test- und Erprobungsfahrten sprechen für sich. In kundennahen Einsätzen lag der Wasserstoffverbrauch je nach Last und Einsatzprofil zwischen 5,6 und 8 Kilogramm pro 100 Kilometer, bei Gesamtzuggewichten zwischen 16 und 34 Tonnen. Die Funktionsweise bleibt dabei unverändert: Aus der Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff entsteht elektrische Energie, die zusammen mit einer Pufferbatterie die Elektromotoren in der E-Achse antreibt. Als Emission bleibt ausschließlich Wasserdampf.
Serienkomponenten sorgen für Reifegrad
Ein entscheidender Schritt beim NextGenH2 Truck ist die Übernahme zahlreicher Serienkomponenten aus dem batterieelektrischen Mercedes-Benz eActros 600. Dazu zählt die aerodynamisch optimierte ProCabin, die nun erstmals auch in einem Brennstoffzellen-Lkw zum Einsatz kommt. Sie verbessert den Luftwiderstandsbeiwert um rund neun Prozent gegenüber der Vorgängerkabine und trägt damit direkt zur Effizienz bei.
Ebenfalls übernommen wurden die integrierte E-Achse, das Multimedia Cockpit Interactive 2 sowie die aktuelle E/E-Architektur. Letztere ermöglicht den Einsatz moderner Assistenzsysteme wie Active Brake Assist 6, Front Guard Assist oder Active Sideguard Assist 2 und sorgt gleichzeitig für zeitgemäße Cybersecurity-Standards.
Leistungsmäßig steht der NextGenH2 Truck seinem batterieelektrischen Pendant in nichts nach. Bis zu 340 Kilowatt im Economy-Modus und bis zu 370 Kilowatt im Power-Modus stehen zur Verfügung. Das sofort abrufbare Drehmoment, das leise Fahrverhalten und der hohe Komfort sind typische Vorteile eines elektrischen Antriebs, unabhängig davon, ob der Strom aus einer Batterie oder aus Wasserstoff erzeugt wird.
Energiespeicher, Rekuperation und Antrieb
Als Energiespeicher dient eine von Daimler Truck entwickelte Hochvoltbatterie mit 101 Kilowattstunden installierter Kapazität. Sie basiert auf Lithium-Eisenphosphat-Zelltechnologie und fungiert als Puffer für die Brennstoffzelle. Gleichzeitig speichert sie die beim Bremsen oder Bergabfahren zurückgewonnene Energie.
Die elektrische Antriebsachse entspricht ebenfalls der aus dem eActros 600 bekannten Lösung. Eine Viergang-Schaltung mit zwei Rückwärtsgängen sorgt dafür, dass die Leistung stets effizient auf die Straße gebracht wird. Besonders die Rekuperation spielt im Gesamtkonzept eine wichtige Rolle, da sie die Reichweite spürbar erhöht und den Wasserstoffverbrauch senkt.
Mehr Flexibilität für den Alltagseinsatz
Aus den bisherigen Erprobungen mit Kunden hat Daimler Truck zahlreiche Erkenntnisse gezogen, die direkt in den NextGenH2 Truck eingeflossen sind. Eine der wichtigsten Änderungen betrifft den sogenannten Tech-Tower hinter der Kabine. Durch eine kompaktere und intelligentere Anordnung der Komponenten konnte der Radstand um 150 Millimeter auf 4.000 Millimeter verkürzt werden. Das verbessert die Manövrierfähigkeit und erlaubt eine breitere Nutzung gängiger Aufliegerkombinationen im Rahmen der EU-Längenvorschriften.
Im Tech-Tower ist zudem ein neues Boil-Off-Management-System untergebracht, das alle gesetzlichen Anforderungen im Umgang mit Wasserstoff erfüllt und auch das Abstellen des Fahrzeugs in geschlossenen Räumen ermöglicht. Ergänzt wird dies durch ein leistungsfähiges Kühlsystem, das selbst bei hohen Temperaturen oder anspruchsvoller Topografie stabile Betriebsbedingungen sicherstellt.
Ein weiterer praxisnaher Punkt ist die neue Sensorik zur Wasserstoffüberwachung. Sie erlaubt es nun, auch in der Kabine zu übernachten. Zwei serienmäßige Betten erhöhen damit den Komfort und die Einsatzflexibilität für Fernfahrer deutlich.
Sicherheit bis ins Detail gedacht
Auch beim Thema Sicherheit legt Daimler Truck nach. Eine neu entwickelte Seitenverkleidung mit integrierten Crash-Elementen schützt die Flüssigwasserstofftanks im Falle eines Unfalls. Gleichzeitig verbessert die aerodynamisch optimierte Verkleidung den Luftwiderstand und erleichtert durch integrierte Trittplatten den Zugang für Wartungsarbeiten.
Erprobung, Förderung und Blick nach vorn
Die Prototypen des NextGenH2 Trucks wurden bereits unter Extrembedingungen in den Schweizer Alpen getestet, sowohl im Winter als auch im Sommer. Diese Erfahrungen fließen direkt in die finale Auslegung der Kleinserie ein, die ab Ende 2026 bei Kunden im Alltagseinsatz erprobt wird.
Unterstützt wird das Projekt durch eine Förderung in Höhe von 226 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Verkehr sowie die Länder Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Die Serienproduktion von Brennstoffzellen-Lkw plant Daimler Truck für die frühen 2030er Jahre.
Bringen wir es auf den Punkt?
Der NextGenH2 Truck zeigt sehr deutlich, dass Wasserstoff im schweren Fernverkehr kein theoretisches Zukunftsversprechen mehr ist. Daimler Truck bringt die Technologie Schritt für Schritt in Richtung Alltagstauglichkeit und schafft damit eine echte Alternative für Anwendungen, bei denen die Batterie allein an ihre Grenzen stößt.





















