Mit dem Porsche 975 RSE beginnt in der Formel E eine neue Phase, die sich nicht mehr nur über Effizienz definiert, sondern ganz bewusst über Performance. Der neue Rennwagen ist die Antwort auf eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet. Elektromobilität im Motorsport will nicht mehr nur anders sein, sondern schlicht schneller werden. Und genau das liefert die sogenannte GEN4-Generation in einer Konsequenz, die man so bislang nicht gesehen hat.
Wie viel Leistung und Dynamik bringt der Porsche 975 RSE auf die Strecke?
Der 975 RSE tritt mit einer Systemleistung an, die das Leistungsniveau der Serie deutlich nach oben verschiebt. Im normalen Rennbetrieb stehen 450 kW zur Verfügung, im Attack Mode steigt die Leistung auf 600 kW beziehungsweise 816 PS. Diese zusätzliche Leistung ist nicht nur ein kurzfristiger Boost, sondern ein strategisches Element im Rennverlauf.
Die Beschleunigung fällt entsprechend brachial aus. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in rund 1,8 Sekunden, ein Wert, der selbst im Vergleich mit klassischen Formelfahrzeugen nicht mehr weit entfernt ist. Gleichzeitig verschiebt sich auch die Endgeschwindigkeit deutlich. Mit bis zu 335 km/h erreicht der 975 RSE ein Niveau, das die Formel E erstmals in Regionen bringt, die bislang anderen Rennserien vorbehalten waren.
Was verändert sich durch den permanenten Allradantrieb?
Eine der zentralen technischen Neuerungen ist der permanente Allradantrieb. Während frühere Generationen ausschließlich über die Hinterachse angetrieben wurden, sorgt das neue Layout für maximale Traktion in allen Fahrsituationen. Gerade beim Herausbeschleunigen aus engen Kurven wird das spürbar, denn die Leistung lässt sich deutlich effizienter auf die Straße bringen.
Zusammen mit neuen Reifen und einer komplett überarbeiteten Aerodynamik entsteht so ein Fahrzeug, das nicht nur auf der Geraden schneller ist, sondern vor allem in den Kurven deutlich zulegt. Höhere Kurvengeschwindigkeiten sind die direkte Folge dieses Zusammenspiels aus mechanischem Grip, elektrischem Allradantrieb und aerodynamischer Unterstützung.
Welche Rolle spielt die Aerodynamik in der GEN4?
Erstmals in der Geschichte der Formel E spielt aerodynamischer Abtrieb eine wirklich zentrale Rolle. Während bisher Effizienz und möglichst geringer Luftwiderstand im Vordergrund standen, geht man nun bewusst einen Schritt weiter. Der 975 RSE arbeitet mit zwei unterschiedlichen Aeropaketen.
Im Rennbetrieb kommt ein Low-Downforce-Setup zum Einsatz, das den Luftwiderstand reduziert und damit den Energieverbrauch im Griff hält. Für das Qualifying steht ein High-Downforce-Paket bereit, das maximale Bodenhaftung liefert. Der Unterschied ist erheblich, denn Porsche spricht von bis zu 150 Prozent mehr Abtrieb im Vergleich zur bisherigen Generation.
Dieser Ansatz zeigt sehr deutlich den Zielkonflikt, der im elektrischen Motorsport immer präsent ist. Mehr Abtrieb bedeutet mehr Geschwindigkeit in Kurven, gleichzeitig aber auch höheren Energiebedarf. Genau diese Balance wird künftig ein entscheidender Faktor im Rennen sein.
Wie effizient arbeitet der Antrieb wirklich?
Trotz aller Performance bleibt Effizienz das Fundament der Formel E. Bereits der Vorgänger, der Porsche 99X Electric, erreichte einen Wirkungsgrad von deutlich über 97 Prozent im Antriebsstrang. Das bedeutet, dass weniger als drei Prozent der Energie auf dem Weg von der Batterie zu den Rädern verloren gehen.
Beim 975 RSE verschiebt sich der Fokus deshalb. Statt noch mehr Wirkungsgrad herauszuholen, geht es verstärkt um Gewicht, Haltbarkeit und Kosten. Gleichzeitig wird die Energierückgewinnung weiter ausgebaut. Bis zu 700 kW Rekuperationsleistung sind möglich, wobei das System sowohl an der Vorder- als auch an der Hinterachse arbeitet.
Porsche 975 RSE Fotos








Allein das rekuperative Bremssystem kann bis zu 350 kW elektrische Bremsleistung pro Achse bereitstellen. Je nach Bremsanforderung wird diese durch klassische Reibbremsen ergänzt, die über ein Brake-by-Wire-System angesteuert werden. In Summe stammen rund 40 bis 50 Prozent der im Rennen genutzten Energie aus dieser Rückgewinnung. Das ist nicht nur ein technisches Detail, sondern ein zentraler Bestandteil der Rennstrategie.
Welche technischen Daten definieren das Gesamtpaket?
Der Porsche 975 RSE bringt ein klar definiertes technisches Setup mit. Die Batterie ist ein zugeliefertes Einheitsbauteil in Form eines Lithium-Ionen-Akkumulators mit einer nutzbaren Kapazität von 51,25 kWh. Entwickeln dürfen die Hersteller diesen Speicher bewusst nicht, um die Kosten im Rahmen zu halten.
Gleichzeitig ist das Fahrzeug für extrem schnelles Laden vorbereitet. Über das CCS-System sind Ladeleistungen von bis zu 600 kW möglich, ein Wert, der weit über dem liegt, was aktuelle Serienfahrzeuge erreichen.
Das Fahrzeug selbst bringt 954 Kilogramm ohne Fahrer auf die Waage. Die Abmessungen liegen bei bis zu 5.540 Millimetern Länge, 1.800 Millimetern Breite und 1.150 Millimetern Höhe. Der Radstand beträgt 3.080 Millimeter, die Spurweiten liegen vorne bei 1.482 Millimetern und hinten bei 1.443 Millimetern.

Auch bei den Bremsen zeigt sich die technische Komplexität. Die Bremsscheiben haben vorne wie hinten einen Durchmesser von 275 Millimetern und arbeiten im Zusammenspiel mit dem rekuperativen System. Die Reifen stammen von Bridgestone und decken sowohl trockene als auch feuchte Bedingungen ab. Pro Rennwochenende stehen zwei Sätze zur Verfügung, bei Doppelrennen entsprechend mehr. Für Starkregen gibt es zusätzliche Regenreifen.
Welche Eigenentwicklungen stecken im Porsche 975 RSE?
Die Formel E ist für Hersteller vor allem deshalb interessant, weil sie gezielt Technologien entwickeln können, die später auch in Serienfahrzeugen relevant sind. Beim 975 RSE umfasst das unter anderem den Pulswechselrichter, den Elektromotor, das Getriebe, die Differenziale sowie die Antriebswellen.
Hinzu kommen umfangreiche Elektroniksysteme, Kabelbäume, Steuergeräte und die komplette Betriebssoftware. Neu in der GEN4 sind unter anderem der Gleichspannungswandler sowie ein erweitertes Brake-by-Wire-System. Auch die Steuerung der hydraulischen Differenziale gehört zu den zusätzlichen Entwicklungsfeldern.
Nicht entwickelt werden dürfen hingegen das Fahrgestell, die Karosserie, die Batterie sowie Teile der Vorderachse. Diese bleiben als Einheitskomponenten vorgegeben, um die Kosten zu kontrollieren und die Chancengleichheit zu wahren.
Was bedeutet der 975 RSE für die Zukunft der Formel E?
Der neue Rennwagen folgt auf den erfolgreichen 99X Electric, der in den vergangenen drei Saisons insgesamt vier Weltmeistertitel gewinnen konnte. Der 975 RSE wird voraussichtlich im Dezember erstmals im Rennen eingesetzt, nachdem bereits rund 1.860 Testkilometer absolviert wurden.
Die Entwicklung läuft aktuell noch auf Hochtouren. Bis zur Homologation durch die FIA liegt der Fokus auf der Weiterentwicklung der Hardware, anschließend verschiebt sich der Schwerpunkt auf die Optimierung der Software.
Mit der GEN4 zeigt sich sehr deutlich, wohin die Reise geht. Mehr Leistung, mehr Geschwindigkeit, mehr technische Komplexität. Gleichzeitig bleibt Effizienz ein zentraler Bestandteil. Genau diese Kombination könnte darüber entscheiden, ob die Formel E endgültig den Schritt aus der Nische schafft.





















