Dschidda hat geliefert. Zwei Nachtrennen auf der Kurzvariante des Jeddah Corniche Circuit, erstmals in dieser Saison als Double Header ausgetragen, mit neuen strategischen Elementen wie dem Pit Boost und einem veränderten Attack-Mode-Format und mit einer Mischung aus Comebacks, verpassten Chancen und klaren WM-Ausrufezeichen.
Formel E in Dschidda 2026
Die ABB FIA Formel E Weltmeisterschaft hat in Dschidda ein Wochenende erlebt, das exemplarisch für die moderne Gen3-Evo-Ära steht. Zwei Nachtrennen auf der rund drei Kilometer langen Kurzvariante des Jeddah Corniche Circuit, ein strategisch fordernder Pit-Boost-Einsatz, ein verändertes Attack-Mode-Format und enge Felder mit minimalen Leistungsunterschieden sorgten für ein hochkomplexes Rennszenario. Es war der erste Double-Header der laufenden Saison, und er brachte Sieger, Verlierer, Comebacks und verpasste Chancen in dichter Abfolge.
Rennen 1 – Pit Boost, ein einzelner Attack Mode und ein Rennen voller Variablen
Der Freitag markierte gleich mehrere Premieren. Zum ersten Mal in der Saison 2026 wurde der sogenannte Pit Boost eingesetzt. Bei diesem verpflichtenden Boxenstopp werden innerhalb von 30 Sekunden mit 600 kW zusätzliche 3,85 kWh nachgeladen. Das entspricht rund zehn Prozent der gesamten Rennenergie. Damit verschiebt sich der strategische Fokus deutlich. Klassisches Energiesparen auf der Strecke verliert etwas an Gewicht, während das richtige Timing des Stopps und die Positionierung im Feld an Bedeutung gewinnen.
Hinzu kam ein verändertes Attack-Mode-Format. Statt zwei Aktivierungen mit jeweils 50 kW Zusatzleistung stand den Fahrern lediglich ein einzelnes sechs-Minuten-Fenster zur Verfügung. Diese Konstellation erhöhte den Druck auf den perfekten Einsatzzeitpunkt massiv. Wer zu früh aktivierte, riskierte später im Rennen angreifbar zu sein. Wer zu lange wartete, lief Gefahr, im Verkehr festzustecken.
In diesem anspruchsvollen Rahmen setzte das Citroën Racing Formula E Team ein starkes Zeichen. Nick Cassidy startete von Position 13 und lieferte eine der eindrucksvollsten Aufholjagden des Abends. Über die erste Rennhälfte hinweg agierte er effizient, hielt sich aus unnötigen Zweikämpfen heraus und verwaltete seine Energie sauber. In der Schlussphase setzte er auf einen spät aktivierten Attack Mode. Die zusätzliche Leistung nutzte er konsequent, um sich durch das enge Feld zu arbeiten. Das Resultat war Rang sechs.
Cassidy sprach anschließend von einem soliden Rennen, auch wenn er nicht das Gefühl hatte, über das gleiche Grip-Niveau wie einige Konkurrenten zu verfügen. Es fehlte aus seiner Sicht ein kleines Stück Pace. Dennoch war die Umsetzung strategisch sauber und effektiv. Die Punkte sind wertvoll, zumal er damit auf Position zwei der Fahrerwertung liegt und im Titelkampf ein klares Wort mitredet.
Auf der anderen Seite der Garage feierte Jean-Éric Vergne einen Meilenstein. Sein 150. Start in der Formel E endete mit Rang acht und damit ebenfalls in den Punkten. Der Franzose begann das Rennen ebenfalls von Position acht, musste jedoch mit einem technischen Problem im Energiemanagement kämpfen. Er beschrieb, dass ihm zeitweise nicht das vollständige Bild über seinen Energiehaushalt zur Verfügung stand. In einem Rennen mit Pit Boost, variabler Strategie und nur einem Attack-Mode-Fenster ist das ein gravierender Nachteil. Trotz dieser Einschränkung brachte er das Fahrzeug kontrolliert ins Ziel und sicherte dem Team zusätzliche Zähler.
Für das DS PENSKE Teamverlief der Auftakt deutlich frustrierender. Maximilian Günther qualifizierte seinen DS E-Tense FE25 auf Startplatz zwei und übernahm nach einem exzellenten Start sogar die Führung. Gemeinsam mit Taylor Barnard wählte das Team eine aggressive Strategie. Beide setzten ihren Attack Mode vor dem Pit Boost ein. Im Nachhinein erwies sich genau diese Reihenfolge als strategischer Nachteil. In der zweiten Rennhälfte fehlte die zusätzliche Leistung, während Konkurrenten in entscheidenden Phasen mehr Reserven hatten.
Günther fiel im Verlauf des Rennens zurück und wurde schließlich als Elfter gewertet. Barnard kam eine Position vor ihm ins Ziel und sicherte jeweils einen WM-Punkt für Fahrer- und Teamwertung. Das Ergebnis spiegelte nicht das eigentliche Potenzial des Fahrzeugs wider. Günther selbst sprach von einer klar falschen strategischen Entscheidung und betonte, dass man als Team gemeinsam gewinne und verliere.
Auch das Nissan Formula E Team hatte am Freitag mit Problemen zu kämpfen. Norman Nato überzeugte im Qualifying, erreichte das Halbfinale der Duelle und startete von Platz vier. Er führte mehrere Runden an, verlor jedoch nach seinem Pit Boost und gegen Konkurrenten im Attack Mode an Boden. Ein technisches Problem beeinträchtigte zusätzlich das Tempo. Am Ende stand Rang 13. Oliver Rowland startete von Position 16 und kam nicht über Rang 17 hinaus.
Parallel dazu sammelten die Porsche-Teams wichtige Punkte. Das werkseigene Porsche Formel-E-Team hatte am Freitag noch mit Pascal Wehrlein den Sieg gefeiert. Im Samstagsrennen belegte Wehrlein Rang acht, während Nico Müller als 16. ins Ziel kam. Cupra Kiro erzielte im zweiten Lauf des Wochenendes mit den Plätzen fünf und sechs durch Dan Ticktum und Pepe Martí sein bestes Saisonresultat. Porsche bleibt damit sowohl in der Team- als auch in der Herstellerwertung an der Spitze.
Formel E Fotos Dschidda 2026















Rennen 2 – kein Pit Boost, zwei Attack Modes und ein Comeback
Das Samstagsrennen wurde ohne Pit Boost ausgetragen, dafür kehrte das Format mit zwei Attack-Mode-Aktivierungen zurück. Für einige Teams bedeutete das die Chance auf Wiedergutmachung.
Oliver Rowland nutzte diese Gelegenheit eindrucksvoll. In seinem 100. Start in der Formel E qualifizierte er sich als Vierter. In der Anfangsphase übernahm er sogar die Führung, um sich aus dem engen Mittelfeld herauszuhalten. Mit effizientem Energiemanagement hielt er sich konstant in der Spitzengruppe. Während seines finalen sechs-Minuten-Attack-Modes arbeitete er sich in die Top drei vor und sicherte Rang drei. Es war sein drittes Podium der Saison und eine starke Reaktion auf den schwierigen Freitag.
Norman Nato hingegen blieb erneut ohne Punkte. Von Platz 15 gestartet, war es auf dieser Strecke extrem schwierig, im dichten Feld entscheidend Boden gutzumachen.
Bei DS PENSKE setzte Maximilian Günther auf eine Effizienz-Strategie. Von Startplatz sechs verlor er in der ersten Runde mehrere Positionen und begann seine Aufholjagd aus dem Mittelfeld. In der Rennmitte sparte er Energie, um in den Schlussrunden mit aktiviertem Attack Mode anzugreifen. Er machte zwar mehrere Plätze gut, musste sich am Ende jedoch erneut mit Rang elf begnügen. Taylor Barnard verfolgte eine ähnliche Herangehensweise und wurde Zehnter. DS PENSKE liegt nach fünf von 17 Saisonrennen auf Rang neun der Teamwertung.
Citroën analysierte nach dem ersten Lauf intensiv Daten und Fahrerfeedback. Das doppelte Punkteergebnis im Freitagrennen war nach einem schwierigen Auftritt in Miami ein wichtiger Schritt. Das Team betonte, dass noch nicht das volle Leistungsniveau erreicht sei, aber die Richtung stimme.
Meisterschaftsstände und Ausblick auf Europa
Nach fünf von 17 Rennen führt Pascal Wehrlein die Fahrerwertung mit 68 Punkten an. Edoardo Mortara folgt mit 62 Zählern, Oliver Rowland liegt mit 49 Punkten auf Rang drei. Nico Müller ist Sechster, Jake Dennis Achter. In der Teamwertung liegt das Porsche Formel-E-Team mit 113 Punkten vorn. Jaguar TCS Racing und Mahindra Racing folgen dahinter. In der Herstellerwertung führt Porsche mit 143 Punkten vor Jaguar und Stellantis.
Das Wochenende in Dschidda hat eindrucksvoll gezeigt, wie stark sich die Formel E zu einer strategischen Hochleistungs-Plattform entwickelt hat. Pit-Stop-Management, Energie-Strategie, Attack-Mode-Timing und technische Zuverlässigkeit greifen ineinander. Ein minimal falsch gesetztes Zeitfenster oder ein Problem im Energiemanagement kann ein ganzes Rennen kippen.
Nach Stationen in Brasilien, Mexiko, den USA und Saudi-Arabien kehrt die Serie nun nach Europa zurück. Am 21. März 2026 steht der Madrid E-Prix auf dem Circuito del Jarama an. Dort wird sich zeigen, welche Teams die Lehren aus Dschidda am schnellsten in Performance umsetzen können. Die Saison nimmt an Intensität zu, und die Titelentscheidungen beginnen sich zu formieren. In einem Feld, das enger denn je zusammenliegt, entscheiden Details und genau diese Details haben in Dschidda den Unterschied gemacht.





















