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Xiaomi Vision Gran Turismo: Wenn ein Tech-Konzern das Hypercar neu denkt

Xiaomi Vision Gran Turismo: Wenn ein Tech-Konzern das Hypercar neu denkt

Mit dem Xiaomi Vision Gran Turismo betritt ein völlig neuer Akteur die Bühne eines der prestigeträchtigsten Projekte der Automobilwelt. Auf dem Mobile World Congress 2026 in Barcelona präsentierte Xiaomi erstmals ein maßstabsgetreues Konzeptfahrzeug für die legendäre Rennspielreihe Gran Turismo. Damit wird der chinesische Technologiekonzern zum ersten Unternehmen aus der Tech-Industrie, das offiziell in das Vision-Gran-Turismo-Projekt aufgenommen wurde.

Der Weg dorthin begann bereits im vergangenen Jahr beim GT World Series Event in London. Dort sprach Kazunori Yamauchi, der Produzent der Gran-Turismo-Reihe, persönlich eine Einladung an Xiaomi aus. Für das internationale Designteam des Unternehmens, das unter anderem in München, Peking und Shanghai arbeitet, eröffnete sich damit eine seltene Chance. Vision-Gran-Turismo-Fahrzeuge sind nicht an Serienvorgaben gebunden. Designer können die Idee eines ultimativen Fahrzeugs frei entwickeln, ohne sich um Zulassungsregeln, Produktionskosten oder Plattformgrenzen kümmern zu müssen.

Xiaomi Vision Gran Turismo Fotos

Wie interpretiert Xiaomi die Aerodynamik eines Elektro-Hypercars?

Im Mittelpunkt des Projekts steht eine grundlegende Frage, die jedes Hypercar beantworten muss. Soll das Fahrzeug maximale Endgeschwindigkeit durch möglichst geringen Luftwiderstand erreichen oder maximale Abtriebskraft für extreme Kurvengeschwindigkeiten liefern? Xiaomi verfolgt einen anderen Ansatz. Für ein elektrisches Hypercar sei nicht das eine oder das andere entscheidend, sondern die Balance zwischen beiden.

Diese Philosophie trägt den Namen „Sculpted by the Wind“. Statt aerodynamische Elemente wie Flügel oder Anbauteile nachträglich anzusetzen, wurde die Karosserie vollständig aus der Perspektive des Luftstroms entwickelt. Die Form wirkt deshalb außergewöhnlich sauber und fast organisch. Xiaomi vergleicht das Design mit einem Wassertropfen, der von der Natur selbst geformt wurde.

Der Cockpitbereich bildet aus der Seitenperspektive eine klassische Tropfenform. Gleichzeitig durchziehen Kanäle und Luftführungen die gesamte Karosserie. Luft strömt durch die Front in das Fahrzeug, wird entlang der geformten Strukturen geleitet und verlässt das Fahrzeug kontrolliert am Heck.

Auch die markanten Lichtsignaturen übernehmen aerodynamische Aufgaben. Die kreuzförmigen Frontscheinwerfer sind vollständig in die Karosserie integriert. Am Heck sitzt ein ringförmiges Rücklicht, das gleichzeitig Teil einer großen Luftauslassstruktur ist.

Besonders ungewöhnlich ist das sogenannte Active Wake Control System. Rund um das Rücklicht befinden sich zahlreiche Mikroöffnungen, über die aktiv Luft in den Luftstrom eingebracht wird. Mithilfe von Sensordaten zu Geschwindigkeit und Fahrzeugwinkel wird so die turbulente Strömung hinter dem Fahrzeug beeinflusst. Im Ergebnis entsteht ein Effekt ähnlich einem aktiven Heckflügel, allerdings ohne sichtbare bewegliche Bauteile.

Auch die Räder wurden aerodynamisch neu gedacht. Die sogenannten Accretion Rims besitzen halbtransparente Abdeckungen mit integrierten Turbinenstrukturen zur Bremsenkühlung. Ein magnetisches System sorgt dafür, dass die Radabdeckung während der Fahrt optisch stillsteht. Dadurch wird der Luftwiderstand reduziert, der normalerweise durch rotierende Räder entsteht.

Das Ergebnis dieser Entwicklung ist eine bemerkenswerte Aerodynamikbilanz. Der Konzeptwagen erreicht einen Luftwiderstandsbeiwert von 0,29, erzeugt gleichzeitig starken Abtrieb von rund minus 1,2 und kommt auf eine aerodynamische Effizienzbewertung von 4,1. Xiaomi will damit zeigen, dass extreme Performance nicht aus Einzelwerten entsteht, sondern aus einem präzise abgestimmten Gesamtpaket.

Fotos vom Event

Was steckt hinter dem Innenraumkonzept „Sofa Racer“?

Der Innenraum eines Hypercars ist traditionell auf maximale Konzentration ausgelegt. Tiefe Schalensitze, harte Materialien und eine sehr straffe Sitzposition gehören zum typischen Bild. Xiaomi wollte genau dieses Konzept neu denken.

Das Ergebnis nennt sich „Sofa Racer“. Statt klassischer Einzelsitze bildet der gesamte Innenraum eine ringförmige Architektur. Armaturenbrett, Türen und Sitzflächen fließen ineinander über und umschließen Fahrer und Beifahrer wie eine Art Kokon.

Bei den Materialien greift Xiaomi auf Techniken aus der Sportmode zurück. Eine dreidimensional gestrickte Textilstruktur sorgt für atmungsaktive und gleichzeitig stützende Sitzflächen. Dadurch soll der Fahrer sowohl entspannt reisen als auch hochkonzentriert fahren können.

Das digitale Herzstück des Cockpits bildet Xiaomi Pulse, ein intelligenter Assistent im Armaturenbrett. Er vernetzt Sensoren, Fahrzeugdaten und Fahrerzustand und kommuniziert über Lichtsignale und akustische Hinweise. Ergänzt wird das System durch Xiaomi HyperVision, eine dynamische Benutzeroberfläche auf Basis von HyperOS. Je nach Fahrsituation passt sich die Darstellung an. Auf der Rennstrecke stehen Telemetriedaten im Mittelpunkt, im Alltag Navigation und Fahrinformationen.

Trotz der starken Digitalisierung bleibt der Fahrer klar im Zentrum. Das Steer-by-Wire-Lenkrad besitzt eine auffällige Unendlich-Form und kombiniert physische Bedienelemente mit digitalen Anzeigen. Xiaomi orientiert sich dabei bewusst an der haptischen Qualität moderner Premium-Smartphones.

Wie integriert Xiaomi sein Smart-Ökosystem ins Auto?

Typisch für Xiaomi ist die enge Verzahnung mit dem eigenen Technologie-Ökosystem. Der Vision-Gran-Turismo-Entwurf folgt daher der bekannten Strategie „Human x Car x Home“.

Das Fahrzeug ist vollständig mit persönlichen Geräten vernetzt und nutzt die KI-Plattform XiaoAi sowie das Sprachmodell MiMo. Ziel ist eine Interaktion, die eher an einen intelligenten Begleiter erinnert als an eine klassische Maschine. Das Fahrzeug erkennt beispielsweise den emotionalen Zustand des Fahrers und passt Licht, Klang oder Informationsdarstellung entsprechend an.

Parallel entwickelte Xiaomi auch einen passenden Fahrsimulator. Dieser soll als Designobjekt in Wohnräumen stehen und das Vision-Gran-Turismo-Erlebnis nach Hause bringen. Damit verschwimmen die Grenzen zwischen realem Fahrzeug, virtueller Simulation und digitalem Ökosystem.

Warum ist dieses Projekt für Xiaomi besonders wichtig?

Mit dem Vision-Gran-Turismo-Projekt tritt Xiaomi in einen exklusiven Kreis ein. Der Konzern ist die 36. Marke, die jemals ein Fahrzeug für diese Serie entwickeln durfte, und präsentiert zugleich das 51. Vision-Gran-Turismo-Konzept insgesamt.

Noch bemerkenswerter ist jedoch ein anderer Aspekt. Xiaomi ist das erste Technologieunternehmen überhaupt, das an diesem Projekt beteiligt wird. Damit steht das Konzept symbolisch für eine neue Generation von Automobilherstellern, die aus der Software- und KI-Welt kommen.

Gran-Turismo-Produzent Kazunori Yamauchi zeigte sich bei der Präsentation beeindruckt. Besonders die Lösung des klassischen Zielkonflikts zwischen geringem Luftwiderstand und hohem Abtrieb habe ihn überzeugt. Das Konzept könne als Vorbild für eine neue Ära elektrischer Hochleistungsfahrzeuge dienen.

Wann kommt der Xiaomi Vision Gran Turismo ins Spiel?

Noch handelt es sich um ein reines Konzeptfahrzeug. Allerdings soll der Xiaomi Vision Gran Turismo künftig auch digital erlebbar sein. Eine Integration in Gran Turismo 7 ist geplant. Damit könnten Spieler weltweit erstmals virtuell erleben, wie Xiaomi sich einen elektrischen Hypercar der Zukunft vorstellt.

Der Entwurf zeigt vor allem eines deutlich. Xiaomi denkt das Auto nicht als isoliertes Produkt, sondern als Teil eines größeren digitalen Ökosystems. Aerodynamik, künstliche Intelligenz und Nutzererlebnis verschmelzen zu einer neuen Interpretation dessen, was ein Hypercar im Zeitalter der Elektromobilität sein kann.

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